Unterartikel · Wissenschaftliche Auswertung
Warum wir am Alten festhalten
Was die Wissenschaft über technologischen Wandel und unsere Entscheidungen weiß
Menschen treffen täglich Entscheidungen. Manche davon sind einfach, andere haben weitreichende Folgen. Wir entscheiden, welche Produkte wir kaufen, welchen Informationen wir vertrauen und welche Technologien wir verwenden.
Dabei gehen wir gerne davon aus, dass unsere Entscheidungen vor allem auf vernünftigen Überlegungen beruhen.
Die psychologische Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild.
Unsere Entscheidungen werden nicht nur durch Fakten beeinflusst, sondern auch durch Erfahrungen, Gewohnheiten, Erwartungen und unser soziales Umfeld. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ohne solche Vereinfachungen wäre unser Alltag kaum zu bewältigen.
Interessant wird es allerdings, wenn sich die Voraussetzungen einer Entscheidung verändern.
1. Warum das Vertraute einen Vorteil hat
In der Entscheidungsforschung beschreibt der sogenannte Status-quo-Bias die Tendenz, einen bestehenden Zustand gegenüber möglichen Veränderungen zu bevorzugen.
Das Vertraute bietet Orientierung. Wir kennen seine Eigenschaften, seine Nachteile und seine Grenzen.
Eine neue Technologie bringt dagegen Unsicherheit mit sich. Selbst wenn sie objektive Vorteile bietet, müssen wir uns zunächst mit ihr beschäftigen.
Allerdings ist nicht jede Bevorzugung des Bestehenden ein Denkfehler. Wer bereits viel Geld in eine funktionierende Lösung investiert hat, kann gute wirtschaftliche Gründe haben, diese weiterzuverwenden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wann ist das Festhalten am Bestehenden vernünftig, und wann verhindert es eine bessere Entscheidung?
2. Warum mögliche Verluste so schwer wiegen
Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich beschäftigt sich mit der Verlustaversion.
Die Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky beschreibt unter anderem, dass Menschen mögliche Verluste häufig anders bewerten als gleich große Gewinne.
Bei technischen Veränderungen kann das bedeuten, dass mögliche Nachteile besonders stark ins Gewicht fallen.
Ein Elektroauto könnte niedrigere Betriebskosten bieten. Gleichzeitig könnte der Käufer befürchten, unterwegs keine geeignete Lademöglichkeit zu finden.
Beide Überlegungen können berechtigt sein. Entscheidend ist, ob wir die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten und Auswirkungen angemessen berücksichtigen.
3. Warum wir Informationen unterschiedlich bewerten
Menschen suchen nicht immer völlig unvoreingenommen nach Informationen.
Der sogenannte Confirmation Bias beschreibt die Tendenz, Informationen bevorzugt wahrzunehmen oder zu interpretieren, wenn sie bereits vorhandene Überzeugungen bestätigen.
Wer Elektroautos grundsätzlich ablehnt, könnte Berichte über Batterieprobleme besonders aufmerksam verfolgen. Wer von Elektroautos begeistert ist, könnte dieselben Probleme herunterspielen.
Beide Verhaltensweisen sind möglich.
Das bedeutet nicht, dass jede feste Überzeugung falsch ist. Es bedeutet lediglich, dass die Überprüfung eigener Überzeugungen besondere Aufmerksamkeit erfordert.
4. Warum unsere Umgebung mitentscheidet
Entscheidungen entstehen nicht unabhängig von unserem sozialen Umfeld.
Familie, Freunde, Kollegen, Medien und gesellschaftliche Gruppen beeinflussen, welche Informationen wir erhalten und welchen Einschätzungen wir vertrauen.
Soziale Normen können dabei durchaus hilfreich sein. Wir profitieren von den Erfahrungen anderer Menschen.
Problematisch kann es werden, wenn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wichtiger wird als die sachliche Bewertung einer Frage.
Dann kann aus einer technischen Entscheidung eine Frage der Identität werden. Die Diskussion dreht sich nicht mehr ausschließlich um Eigenschaften einer Technologie, sondern auch darum, welcher gesellschaftlichen Position wir uns zugehörig fühlen.
5. Warum sich neue Technologien unterschiedlich schnell verbreiten
Die Innovationsforschung untersucht seit Jahrzehnten, weshalb sich manche Neuerungen schnell durchsetzen und andere nur langsam.
Ein bekannter Ansatz ist die Diffusion-of-Innovations-Theorie von Everett Rogers.
Dabei spielen unter anderem folgende Eigenschaften einer Innovation eine Rolle:
- ihr erkennbarer Vorteil gegenüber bisherigen Lösungen
- ihre Vereinbarkeit mit bestehenden Bedürfnissen und Gewohnheiten
- ihre wahrgenommene Komplexität
- die Möglichkeit, sie zunächst auszuprobieren
- die Sichtbarkeit ihrer Ergebnisse
Eine Technologie muss also nicht nur technisch funktionieren. Sie muss auch in den Alltag der Menschen passen.
Das könnte erklären, weshalb sich das Internet und das Elektroauto gesellschaftlich unterschiedlich entwickelt haben, ohne dass wir daraus unmittelbar auf die Vernunft oder Unvernunft ihrer jeweiligen Nutzer schließen müssen.
6. Können wir unsere Meinung ändern?
Die bisherigen Überlegungen führen zu einer übergeordneten Frage.
Wenn unsere Entscheidungen durch Erfahrungen, Gewohnheiten, Risikowahrnehmung und soziale Einflüsse geprägt werden, unter welchen Bedingungen sind wir bereit, sie zu überdenken?
Neue Informationen allein reichen möglicherweise nicht immer aus.
Entscheidend könnte sein, ob wir die neuen Erkenntnisse für glaubwürdig halten, ob sie unsere persönlichen Bedürfnisse betreffen und ob wir unsere bisherige Einschätzung verändern können, ohne dadurch unser Selbstbild infrage zu stellen.
Die wissenschaftliche Forschung bietet hierzu verschiedene Erklärungsansätze. Eine einfache allgemeingültige Antwort gibt es jedoch nicht.
7. Was bedeutet das für den technologischen Wandel?
Technologische Entwicklung und gesellschaftliche Akzeptanz verlaufen nicht zwangsläufig im gleichen Tempo.
Eine technische Verbesserung führt nicht automatisch dazu, dass frühere Vorbehalte verschwinden. Umgekehrt ist eine neue Technologie nicht allein deshalb besser, weil sie neu ist.
Eine sachliche Entscheidung erfordert daher zweierlei: die tatsächlichen Eigenschaften einer Technologie möglichst zuverlässig zu untersuchen und gleichzeitig die eigenen Bewertungsmaßstäbe kritisch zu überprüfen.
Die wissenschaftlich interessante Frage lautet nicht, warum Menschen Veränderungen grundsätzlich ablehnen.
Sie lautet, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Entscheidungen angesichts veränderter Tatsachen neu bewerten – und welche Faktoren diese Neubewertung erleichtern oder erschweren.
Quellenverzeichnis
- Samuelson, W. & Zeckhauser, R. (1988): Status Quo Bias in Decision Making. Journal of Risk and Uncertainty, 1, 7–59. doi:10.1007/BF00056249
- Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291. doi:10.2307/1914185
- Nickerson, R. S. (1998): Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. doi:10.1037/1089-2680.2.2.175
- Lord, C. G., Ross, L. & Lepper, M. R. (1979): Biased Assimilation and Attitude Polarization: The Effects of Prior Theories on Subsequently Considered Evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098–2109. doi:10.1037/0022-3514.37.11.2098
- Rogers, E. M. (2003): Diffusion of Innovations (5. Aufl.). Free Press, New York. (Erstausgabe 1962)
- Kahan, D. M. (2013): Ideology, Motivated Reasoning, and Cognitive Reflection. Judgment and Decision Making, 8(4), 407–424.
- Kahan, D. M., Peters, E., Dawson, E. C. & Slovic, P. (2017): Motivated Numeracy and Enlightened Self-Government. Behavioural Public Policy, 1(1), 42–86.
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