Zweifel & Befund

Notizen aus einem Land, das sich selbst erklärt

Hauptartikel

Kindergarten mit Regierungsauftrag

Warum eine der größten Volkswirtschaften der Welt von Leuten regiert wird, die dringend eine Aufsichtsperson bräuchten

12. Oktober 2026 · von Gerald Stocker

Es ist schon bemerkenswert, welche Probleme eine der größten Volkswirtschaften der Welt beschäftigen können. Eine schwächelnde Wirtschaft, eine marode Infrastruktur, ein Verwaltungsapparat, der gelegentlich an sich selbst verzweifelt. Und mitten in dieser Lage widmet sich die politische Führung einer Frage von offenbar nationaler Tragweite:

Wer hat sich wann von wem weggedreht?

Egozentriker sind keine Ausnahme. Sie sind die Regel.

Beginnen wir mit einer unbequemen Wahrheit: Politiker sind Egozentriker und Manager der Macht. Natürlich sind sie das. Wer sich sonst freiwillig vor Millionen Menschen stellt, um zu erklären, dass ausgerechnet er die Welt versteht?

Ich übe da keinen Vorwurf. Ich schreibe selbst Artikel und bin der Meinung, dass meine geistigen Auswürfe ins Internet gehören. Wer diese Zeilen liest, weiß also, dass ich nicht aus dem Glaszimmer werfe.

Egozentrik ist quasi die Eintrittskarte in diesen Beruf. Wer sie nicht hat, kommt nicht bis vor die Kameras. Die Frage ist also nicht, ob unsere Führung Egos hat.

Die Frage ist, was diese Egos den ganzen Tag machen.

Wahlkampf als Straftatbestand

Das aktuelle Lehrstück liefert Mecklenburg-Vorpommern. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin, führt Wahlkampf. Für die eigene Partei, versteht sich. Das ist nicht nur ihr gutes Recht – es ist wörtlich ihr Beruf.

Die Union greift sie dafür an. Angeblich hätte sie Wahlkampf auf Kosten der anderen demokratischen Parteien gemacht.

Man lese das noch einmal, langsam: Eine Politikerin macht Politik, und genau das wird ihr vorgehalten. Das ist ein Standpunkt von beeindruckender Konsequenz. Man kann ihn nur mit der Annahme erklären, dass die Union ihre eigenen Auftritte für so erbärmlich hält, dass schon normaler Wahlkampf beim Gegner als unanständig durchgeht.

Ich kann auch beim Dorffußballturnier die gegnerische Mannschaft dafür verkloppen, dass sie Tore machen möchte.

Die Abschussliste

Dazu passt ein Gerücht, das durch Berlin geht – ein Gerücht, wohlgemerkt, weder bestätigt noch belegbar, aber so schön, dass man es erzählen muss, sobald man es als Gerücht kennzeichnet: Ein Minister (Schneider) habe im Kabinett widersprochen. Nicht öffentlich, nicht in der Talkshow, sondern drinnen, unter Kollegen, dort, wo Widerspruch eigentlich hingehört, wenn man von Regieren als kollegialem Handwerk ausgeht.

Seither, so das Gerücht, stehe er auf einer Liste – beziehungsweise habe gekündigt, da die letzte Regierungsumbildung zur Seifenoper verkommen ist.

Man muss nicht wissen, ob es stimmt. Man muss nur bemerken, dass es niemanden mehr überrascht. Das ist der eigentliche Befund: Ein Gerücht über Kränkbarkeit an der Staatsspitze ist heute nicht mehr skandalös, sondern plausibel. Wir sind an einem Punkt, an dem die Bürger das Wörtchen „wahrscheinlich“ von selbst ergänzen.

Manager der Macht

Man kann von Managern halten, was man will. Aber ein Manager, der eine Woche lang darüber nachdenkt, wer sich bei der Besprechung weggedreht hat, wäre in jedem noch so mittelmäßigen Unternehmen entlassen – nicht weil er ein schlechter Mensch ist, sondern weil die Firma sonst pleite geht. Bei Herrn Merz scheint das nicht zu funktionieren.

In einer Volkswirtschaft mit 84 Millionen Beteiligten nennt man das leider Koalitionskrise.

Besonders eindrucksvoll wird das Schauspiel, wenn dieselben Akteure anschließend erklären, wie ernst die Lage unserer Demokratie sei. Vertrauen zurückgewinnen. Zusammenstehen. Den Menschen Orientierung geben. Große Worte – von Menschen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob der Kollege die Anerkennung der eigenen Autorität ausreichend gewürdigt hat.

Demokratie lebt vom Streit. Aber Streit über die Zukunft des Landes ist etwas anderes als Streit über die eigene Bedeutung.

Hoffnung

Ich erwarte von Politikern keine Heiligen. Ich erwarte nicht einmal, dass sie sich mögen. Ich erwarte lediglich, dass sie erwachsen genug sind, ihre Kränkungen von ihren Ämtern zu trennen.

Vielleicht braucht der nächste Koalitionsvertrag nur eine zusätzliche Verhaltensregel: Wer sich umgedreht hat, muss nicht zurückgerufen werden. Und wer beleidigt ist, darf trotzdem weiterregieren.

Bis dahin hoffe ich weiter, dass die anderen Länder genauso dämlich sind. Es wäre ein Trost und würde unsere Stellung in Europa erklären. Aber eben nur ein kleiner Trost.

Weiterdenken

Warum haben wir Angst vor dem Neuen?
Warum wir die Risiken des Neuen kritischer sehen als die des Vertrauten – dieselbe Mechanik, nur mit Technik statt Politik.
Hervorbringen lange Friedensphasen einen bestimmten Politikertyp?
In Vorbereitung: die wissenschaftliche Auswertung zu diesem Artikel.

Artikel teilen

Vorschlag für Instagram / Facebook (Caption zum Kopieren):